Pilger der Hoffnung – Römischer Heiliger Vinzenz Pallotti
Der heilige Vinzenz Pallotti. Gemälde von Oskar Kokoschka.
Wer sich auf den Weg vom Rione Regola, dem Quartier um den beliebten Markt auf dem Campo de’ Fiori zum touristischen Hotspot Trastevere auf der anderen Seite des Tibers macht, kann den direkten Weg über die Via dei Pettinari wählen. Es ist ein, im wahrsten Sinne des Wortes, schnurgerader Weg, der direkt zum Ponte Sisto, der Fußgängerbrücke über den Tiber und dort zur Piazza Trilussa, mit der Fontana Sisto im Blick, führt. Die Piazza ist quasi das Entree ins „Kneipenviertel“ Trastevere. Nicht nur wenn man den Blick auf dieses Ziel gerichtet hat, ist die Kirche kurz vor dem Tiber leicht zu übersehen. Die schlichte Fassade fügt sich nahtlos in die Häuserzeile ein. Auch wird sich in keinem gängigen Reiseführer ein Hinweis über diese Kirche finden. Denn diese Kirche San Salvatore in Onda birgt keine besonderen Kunstschätze. Und doch sollte man nicht achtlos vorbeigehen. In dieser Kirche ist das Grab eines wahrhaft römischen Heiligen. Hier findet man unter dem Altar den unverwesten Leichnam des Heiligen Vincenzo Pallotti. Für uns in St. Bonifatius sollte dieser Heilige ein Begriff sein! Im Beichtzentrum in unserer Pfarrkirche stehen seit vielen Jahren Pallottiner Patres, deren Orden vom Heiligen Vinzenz gegründet wurde, für Gespräch und Beichte zur Verfügung. Diesen wertvollen Dienst übernimmt heute leider nur noch allein P. Bernhard Scheloske. Und doch ist dieser Heilige zu Unrecht ziemlich unbekannt.
Sein Leben
Innenansicht San Salvatore in Onda
Am 21. April 1795 wurde Vincenzo in die fromme Familie Pallotti im Rione Regola geboren und am folgenden Tag in San Lorenzo in Damaso getauft. Es ist eine für die Stadt und die Kirche schwierige Zeit. Die Französischen Revolutionstruppen unter Napoleon erobern Rom, zerschlagen den Kirchenstaat, und Papst Pius VI. wird nach Frankreich verschleppt. Sein Nachfolger Pius VII. wird zum Statist der Kaiserkrönung Napoleons degradiert. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons wird der Kirchenstaat zwar wieder etabliert, doch Rom ist gespalten zwischen der alten Ordnung und einer säkularen Staatsauffassung. In den Ländern Europas setzt sich der rückwärtsgewandte Geist der sog. Restauration durch. In der Kirche entwickelt sich eine anti-aufklärerische Wagenburgmentalität. Die Pallottis stehen treu auf der Seite von Kirche und Papst. Vinzenz findet eine spirituelle Heimat in einer Kapelle der Kirche Sta. Maria in Vallicella, auch Chiesa Nova (Neue Kirche) genannt. Diese Kirche ist die Kirche des Hl. Philipp Neri. Wenn wir uns in dieser Reihe diesem Heiligen widmen, werden sich Verbindungen zwischen den beiden zeigen. Vinzenz will Priester werden, gar in den Kapuzinerorden eintreten. Seine schwache körperliche Konstitution verhindert das. Überhaupt ist er eine, höflich ausgedrückt, eher unauffällige Erscheinung. Er studiert an der römischen Universität „Sapienzia“. Es scheint sich für ihn eine akademische Laufbahn zu entwickeln. Seine Priesterweihe empfängt er am 18. Mai 1818 in der wichtigsten Kirche überhaupt, der Lateranbasilika. Wir haben diese Kirche „Haupt und Mutter der Kirchen der Stadt und des Erdkreises“ schon einmal im Gemeindebrief gewürdigt. Zuerst setzt er seine Lehrtätigkeit an der Universität weiter fort. Er widmet sich darüber hinaus der Armen- und besonders der Jugendseelsorge. Bald geht er ganz in der Seelsorge auf. Er bekommt das Rektorat an der Nationalkirche der Neapolitaner, Santo Spirito dei Napolitani, in der schönen Via Giulia, in seinem Heimatquartier. Er wird damit Vorgesetzter von fünf Priestern, die an der pastoral heruntergekommenen Pfarrei einen „Dienst nach Vorschrift leisten„. Diese sind über den pastoralen Eifer ihres Chefs wenig erfreut und wollen ihn weg mobben. Vinzenz hält das Mobbing aus und hält durch.
Sein Wirken
Eine Geste ist bezeichnend für das Wirken dieses Heiligen. Da diese Geste weitgehend aus unserem Alltag verschwunden ist, müssen wir einige Worte darüber verlieren. In meiner Kindheit und Jugend trug mein Vater draußen noch Hut. Heute gehen Männer barhäuptig oder mit Cap, das dann meist auch drinnen, und diese werden nie gelüftet, fast könnte man meinen, sie müssten zum Entfernen wegoperiert werden… Damals hat mein Vater, zum Gruß, immer den Hut etwas gelüftet. In den Zeiten des Heiligen wurde zum Gruß der Hut nicht nur gelüftet, sondern ganz vom Kopf gezogen, wenn man einem gesellschaftlich „höhergestellten“ Menschen begegnete. Ein Priester hatte diese Geste des Respektes normalerweise nicht nötig, im Gegenteil, diese Geste wurde ihm entgegengebracht. Vinzenz Pallotti dagegen zieht vor jedem Mann und jeder Frau den Hut! Darin zeigt sich seine Gesinnung. Mit dieser Haltung war er ein glaubwürdiger Zeuge des Evangeliums. Sein pastorales Wirken wirkte in seiner Stadt. Es finden sich immer mehr, die ihn in seinem Apostolat unterstützen. Es sind Priester, Ordensleute und Laien! Er unterscheidet in seinem Apostolat ausdrücklich nicht zwischen geweihten und nicht geweihten Christen. „Alle – ob alt oder jung, gesund oder krank, allein oder in Gemeinschaft – können auf dem Platz, den ihnen Gott im Leben zugewiesen hat, in irgendeiner Weise und mit Verdienst an den apostolischen Aufgaben Jesu Christi teilnehmen“. Damit ist er seiner Zeit weit voraus. Erst im Zweiten Vatikanischen Konzil, gut hundert Jahre später, wird das Apostolat der Laien gewürdigt. Am 4. Oktober 1846 legt er mit einem Gefährten gegenseitig eine „Weihe“ ab. Das gilt als Gründung der Pallottiner.
Sein Werk
Grab des Heiligen Vinzenz Pallotti
Tatsächlich war es aber eben nicht Pallottis Absicht, einen weiteren Orden zu gründen. Seine große Idee war wirklich das Zusammenwirken aller, die in irgendeiner Form beitragen wollten zur Ausbreitung des Glaubens an Gott, „die unendliche Liebe“, wie Jesus Christus, der „Apostel des ewigen Vaters“, ihn verkündet hatte. Vinzenz Pallotti: „Vernunft und Erfahrung beweisen, dass das Gute, das vereinzelt getan wird, spärlich, unsicher und von kurzer Dauer ist, und dass selbst die hochherzigsten Bemühungen Einzelner zu nichts Großem führen, wenn sie nicht vereint und auf ein gemeinsames Ziel hingeordnet sind.“ Doch, wie gesagt, diese Vision von einem universalen – oder griechisch: „katholischen“ – Apostolat, dem sich alle anschließen konnten, klang in der damaligen Kirche schon fast revolutionär, zumal in einer Stadt, die damals noch viel mehr als heute nur so von Klerikern „wimmelte“, die das Apostolat als die Uraufgabe der Bischöfe ansahen! So konnte sich die von Pallotti gewollte „Vereinigung des Katholischen Apostolates“ zunächst kaum entwickeln, während mit den Pallottinern und Pallottinerinnen – die eigentlich nur als Kern des Ganzen den Zusammenhalt gewährleisten sollten! – praktisch doch neue Ordensgemeinschaften entstanden, die dann um die Wende zum 20. Jahrhundert ihre Häuser in Limburg gründeten. Von hier aus organisierten sie insbesondere die Mission in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun, was viele junge Menschen in Bann zog und zu einem Aufblühen der beiden Gemeinschaften führte, sodass sie bald auch in immer mehr andere Länder expandierten und heute auf (fast) allen Kontinenten vertreten sind. Aktuell sind zwar (wie bei den meisten Gemeinschaften) die Zahlen vor allem in der westlichen Welt stark rückläufig, doch gerade in den jungen Kirchen in Afrika, Asien und z.T. auch in Lateinamerika, ist jetzt ein neues Aufblühen zu erleben. Wie hatte Pallotti bei seinem Tod prophezeit? „Diese Gemeinschaft wird von Gott gesegnet sein!“
Sein Tod
Obwohl Pallotti zeitlebens eher schwach und kränklich war, nahm er darauf keine Rücksicht bei seinem Apostolat. So schenkt er im Januar 1850 einem Bettler seinen Mantel und hat danach mehrere Stunden in der kalten Kirche San Salvatore in Onda die Beichte gehört. Daraufhin zieht er sich eine Rippenfellentzündung zu, an der er am 22. Januar stirbt. An der Stätte seines letzten pastoralen Wirkens wird er beigesetzt, wo er seit seiner Seligsprechung 1950 unter dem Altar ruht.
Pfr. Matthias Ohlig und P. Bernhard Scheloske SAC mit Sr. Adelheid Scheloske SAC
Foto: Pallottiner, Matthias Ohlig